Liebe mit Abstand

Autor: Torsten Matzak

Intimität im Spannungsfeld von Religion, Reform und Alltag

Szenischer Einstieg – Begegnungen im öffentlichen Raum

Am Abend liegt ein milder Staub über Riad. Die Hitze des Tages ist aus den Straßen gewichen, und in den Einkaufszentren der Stadt beginnt eine zweite, leisere Tageszeit. Familien schlendern durch die Gänge, junge Männer bleiben stehen, junge Frauen gehen weiter, manchmal ein paar Schritte voraus, manchmal mit einem kaum wahrnehmbaren Seitenblick zurück. Nähe zeigt sich hier nicht im Körperkontakt, sondern im Rhythmus des Gehens, im Gleichklang zweier Bewegungen, die sich aufeinander einstellen, ohne sich zu berühren.

Ein Paar sitzt in einem Café. Zwischen ihnen ein kleiner Tisch, darauf zwei Becher mit Eiswürfeln, die langsam schmelzen. Sie sprechen leise, lachen gedämpft. Ihre Hände bleiben auf ihren eigenen Seiten der Tischkante. Niemand küsst sich, niemand rückt näher. Und doch ist da etwas Unübersehbares: Aufmerksamkeit, Zuneigung, vielleicht auch Vertrautheit. Liebe, aber mit Abstand.

Noch vor wenigen Jahren wäre selbst dieses Bild ungewöhnlich gewesen. Einkaufszentren galten als strikt kontrollierte Räume, Begegnungen zwischen unverheirateten Männern und Frauen als potenziell problematisch. Heute sind sie Orte des vorsichtigen Austestens. Paare bewegen sich hier, als hätten sie gelernt, unsichtbare Linien zu lesen – wie nah man sich kommen darf, wie lange ein Blick dauern kann, wann man besser weitergeht.

Saudi-Arabien öffnet sich, so heißt es oft. Doch Öffnung bedeutet hier nicht, dass alte Regeln verschwinden. Sie werden gedehnt, neu interpretiert, manchmal stillschweigend umgangen. Intimität ist erlaubt, solange sie diskret bleibt. Öffentlichkeit ist möglich, solange sie keine Provokation darstellt.

In dieser Spannung lebt der Alltag vieler junger Saudis. Zwischen religiöser Ordnung und neuen Freiheiten, zwischen familiären Erwartungen und individuellen Wünschen entsteht eine neue Form von Nähe – tastend, vorsichtig, selten laut. Das Einkaufszentrum am Abend ist ihr Schauplatz: ein Ort, an dem Liebe sichtbar wird, ohne sich offen zu zeigen.

Ordnung der Geschlechter

Wer sich in Saudi-Arabien bewegt, lernt schnell, dass Nähe nicht nur eine Frage persönlicher Gefühle ist, sondern eine der richtigen Form. Die Ordnung der Geschlechter strukturiert den Alltag – sichtbar, spürbar, aber selten laut ausgesprochen. Sie beginnt bei der Kleidung, setzt sich fort im Abstand zwischen Körpern und reicht bis in Architektur, Arbeitswelt und religiöse Praxis.

Kleidung ist dabei weniger Uniform als Signal. Die Abaya, einst verpflichtend, ist heute eine Option. Schwarz ist längst nicht mehr die einzige Farbe; Blau, Beige oder gedeckte Muster haben Einzug gehalten. Manche Frauen verhüllen sich vollständig, andere tragen das Haar offen. Es ist eine persönliche Entscheidung, sagen viele – und doch eine, die stets gelesen wird. Nicht als Ausdruck individueller Freiheit im westlichen Sinne, sondern als Positionierung innerhalb eines kulturellen Rahmens. Entscheidend ist nicht, wie viel Stoff den Körper bedeckt, sondern dass die Figur nicht betont wird. Der Körper soll anwesend sein, ohne sich aufzudrängen.

Zur Ordnung gehört auch Distanz. Männer und Frauen halten Abstand, ein halber Meter gilt als angemessen. Händeschütteln ist möglich, aber nur, wenn die Frau es initiiert. Umarmungen zwischen Männern und Frauen sind tabu. Diese Regeln wirken für Außenstehende starr, fast mechanisch. Doch sie sind tief verinnerlicht, weniger Zwang als Gewohnheit. Sie strukturieren Begegnungen und nehmen ihnen zugleich die Unschärfe, die Nähe mit sich bringt.

Diese Trennung setzt sich räumlich fort. In Einkaufszentren markieren Schilder den Zutritt: Family Only. Cafés, Boutiquen, sogar Coworking-Spaces sind so gestaltet, dass Frauen sich bewegen können, ohne sich beobachtet zu fühlen. In manchen Büros gibt es separate Eingänge für männliche Besucher, damit sie den Arbeitsalltag der Frauen nicht stören. Hinter diesen Türen fallen Abaya und Schleier, Stimmen werden lauter, Gesten freier. Die Geschlechtertrennung schafft hier paradoxerweise einen Raum der Entspannung.

Religiös begründet wird diese Ordnung mit Würde und Respekt. Männer und Frauen seien unterschiedlich, heißt es, und müssten geschützt werden – voreinander wie vor sich selbst. In Moscheen beten sie getrennt, nicht aus Geringschätzung, sondern aus Tradition. Der Glaube liefert die Sprache, in der diese Ordnung erklärt wird, doch sie ist längst mehr als religiöse Praxis. Sie ist sozialer Code, kulturelle Selbstverständlichkeit.

Und doch ist diese Ordnung nicht statisch. Sie wird verhandelt, verschoben, manchmal unterlaufen. Frauen arbeiten heute in Branchen, die ihnen früher verschlossen waren, treffen Männer beruflich, sitzen ihnen in Besprechungsräumen gegenüber – wenn auch oft unter klaren Regeln. Die Trennung bleibt das Grundgerüst, aber die Räume dazwischen werden größer.

Intimität entsteht in Saudi-Arabien nicht trotz dieser Ordnung, sondern innerhalb ihrer Grenzen. Nähe wird nicht abgeschafft, sondern kanalisiert. Wer das verstehen will, muss lernen, zwischen den Linien zu lesen – und zu akzeptieren, dass Distanz hier nicht das Gegenteil von Beziehung ist, sondern ihre Voraussetzung.

Frauen zwischen Schutz und Macht

Spricht man mit saudischen Frauen über ihre Rolle in der Gesellschaft, fällt ein Wort immer wieder: Sicherheit. Es klingt zunächst defensiv, fast wie ein Argument aus der Vergangenheit. Doch je länger die Gespräche dauern, desto deutlicher wird, dass Sicherheit hier nicht nur Einschränkung meint, sondern auch Handlungsspielraum. Viele Frauen beschreiben sich nicht als marginalisiert, sondern als zentral – als diejenigen, um die sich vieles dreht.

In Familien gelten Frauen als Verantwortung und als Wert zugleich. Sie sind Töchter, Schwestern, Mütter, Ehefrauen – Rollen, die mit Schutz verbunden sind, aber auch mit Einfluss. Männer tragen die Pflicht, sich zu kümmern, materiell wie moralisch. Dieses Verhältnis ist asymmetrisch, doch es ist nicht einseitig. „Wir sind ihre Juwelen“, sagt eine Frau in einem Einkaufszentrum, ohne Ironie. Der Satz irritiert, weil er so selbstbewusst vorgetragen wird. Schutz erscheint hier nicht als Bevormundung, sondern als Anerkennung.

Dieses Selbstverständnis prägt auch den Umgang mit Freiheit. Dass Frauen heute Auto fahren, arbeiten, studieren und reisen können, wird nicht als Bruch mit der Tradition empfunden, sondern als deren Weiterentwicklung. Viele betonen, sie seien zu nichts gezwungen worden – weder zum Schleier noch zu einem bestimmten Lebensentwurf. Wer den Niqab trägt, tut dies aus Überzeugung, wer ihn ablegt, ebenfalls. Beides kann Ausdruck von Autonomie sein.

Auffällig ist, wie oft Frauen von Wahlmöglichkeiten sprechen. Arbeiten oder zu Hause bleiben. Studium oder Familie. Öffentlichkeit oder Rückzug. Diese Optionen existieren nicht grenzenlos, aber sie sind realer geworden. In Coworking-Spaces, Sportclubs oder Frauenbüros entsteht ein Alltag, der Selbstständigkeit ermöglicht, ohne die kulturelle Ordnung infrage zu stellen. Viele dieser Räume sind bewusst geschlechtergetrennt – nicht als Relikt, sondern als Voraussetzung dafür, dass Frauen sich frei bewegen, sprechen, lachen können.

Gleichzeitig bleibt die Trennung ambivalent. Sie schützt, aber sie isoliert auch. Manche Frauen sagen offen, dass sie lieber unter sich arbeiten, weil sie Männern misstrauen – nicht persönlich, sondern strukturell. Die jahrzehntelange Trennung habe unterschiedliche Denkweisen hervorgebracht. Männer verstünden oft nicht, wie Frauen kommunizieren, worüber sie sprechen, was sie beschäftigt. Der Frauenraum wird so zum Ort des Atemholens, aber auch zum Zeichen einer Distanz, die nicht einfach verschwindet.

Macht zeigt sich hier selten laut. Sie äußert sich nicht in Konfrontation, sondern in Beharrlichkeit. Frauen organisieren Netzwerke, gründen Unternehmen, schaffen neue Strukturen innerhalb des bestehenden Systems. Sie fordern nicht zwangsläufig Gleichheit im westlichen Sinne, sondern Anerkennung ihrer Bedeutung. Dass viele von ihnen Reformen begrüßen, ohne radikale Umbrüche zu verlangen, ist kein Zeichen von Passivität. Es ist eine Strategie.

Zwischen Schutz und Macht entsteht so ein weibliches Selbstbild, das sich westlichen Kategorien entzieht. Es ist weder eindeutig emanzipatorisch noch eindeutig traditionell. Es ist situativ, pragmatisch, verankert in Familie und Glaube – und doch offen für Veränderung. Wer Saudi-Arabien verstehen will, muss diese Ambivalenz aushalten. Denn hier sind es oft die Frauen selbst, die entscheiden, wie weit Nähe, Freiheit und Sichtbarkeit gehen dürfen.

Der leise Wandel

Der Wandel in Saudi-Arabien kommt nicht mit Parolen. Er fährt nicht im Konvoi durch die Straßen, er kündigt sich nicht an. Er sitzt am Steuer eines Autos, das von einer Frau gelenkt wird. Er läuft in Sportschuhen durch die Stadt, gemischtgeschlechtlich, unaufgeregt. Er arbeitet in Büros, in denen Frauen und Männer sich begegnen, ohne sich anzunähern. Der Wandel ist da – aber er spricht leise.

Lange galt das Autofahrverbot für Frauen als das Symbol saudischer Restriktion. Heute wirkt es fast anachronistisch. Frauen fahren, parken, fluchen im Verkehr. Für viele ist das längst Alltag. Und doch erinnern sich fast alle an den Moment, als sie zum ersten Mal allein am Steuer saßen: an die Nervosität, die Blicke, das Gefühl, etwas zu tun, das lange unmöglich schien. Es war kein Akt des Widerstands, sondern einer der Selbstverständlichkeit.

Ähnlich vorsichtig vollzieht sich der Wandel in der Arbeitswelt. Frauen arbeiten heute in nahezu allen Branchen, treffen Kunden, beraten, führen Unternehmen. Oft jedoch in klar definierten Räumen. Coworking-Spaces wie SheWorks sind Orte des Übergangs: hier die geschützte Umgebung, dort der vorbereitete Schritt hinaus. Männliche Berater betreten den Raum durch separate Türen, Gespräche finden in eigens dafür vorgesehenen Zimmern statt. Die Ordnung bleibt bestehen, aber sie wird funktional.

Auch der öffentliche Raum hat sich verändert. Frauen treiben Sport, joggen durch Parks, trainieren in Laufgruppen, in denen Männer und Frauen nebeneinander laufen. Anfangs wurden sie angestarrt, manchmal belächelt. Heute werden sie angefeuert. Die Bewegung ist kein politisches Statement, sondern eine soziale Gewöhnung. Körper im öffentlichen Raum werden sichtbar, ohne sexualisiert zu werden – ein sensibles Gleichgewicht.

Kinos, Konzerte, Restaurants: Orte, die lange als problematisch galten, sind zurückgekehrt. Filme laufen, wenn auch zensiert. Küsse bleiben aus dem Bild, Homosexualität bleibt unsichtbar. Doch das gemeinsame Erleben zählt. Familien, Paare, Freundesgruppen teilen Räume, die zuvor leer oder strikt getrennt waren. Die Veränderung kam nicht über Nacht, sondern in Etappen. Erst im Laden, dann im Schaufenster. Erst im Privaten, dann vorsichtig im Öffentlichen.

Auffällig ist, wie sehr dieser Wandel von innen getragen wird. Viele Saudis verweisen auf soziale Medien, auf Reisen, auf den Kontakt zur Welt außerhalb. Sie vergleichen, passen an, übernehmen selektiv. Der Westen ist dabei kein Vorbild, sondern ein Referenzpunkt. Man schaut, was funktioniert, und entscheidet, was bleibt.

Der leise Wandel ist kein Versprechen auf Freiheit ohne Grenzen. Er ist ein Aushandlungsprozess, der sich anfühlt wie ein vorsichtiges Vorantasten. Alte Regeln werden nicht verworfen, sondern gedehnt. Neue Freiheiten entstehen nicht gegen die Ordnung, sondern innerhalb ihrer. Saudi-Arabien verändert sich – Schritt für Schritt, mit Blick auf den eigenen Takt.

Liebe im Privaten

Je weiter man sich in Gesprächen vorwagt, desto klarer wird: Liebe ist in Saudi-Arabien kein öffentliches Thema, sondern ein inneres Arrangement. Beziehungen existieren, manchmal offen, meist diskret. Sie bewegen sich in einem Raum, der nicht gesetzlich festgeschrieben, aber gesellschaftlich präzise abgesteckt ist. Nähe ist erlaubt – solange sie nicht ausgestellt wird.

Viele junge Paare kennen einander, lange bevor es zur Hochzeit kommt. Sie treffen sich in Einkaufszentren, in Cafés, bei Familienfesten oder über gemeinsame Freunde. Manchmal wissen die Eltern Bescheid, manchmal nicht. Küssen in der Öffentlichkeit bleibt tabu, ebenso demonstrative Zärtlichkeit. Doch Blicke, Gespräche, Vertrautheit sind möglich. Die Beziehung wird gelebt, aber nicht inszeniert.

Zusammenleben vor der Ehe ist unüblich, weniger aus religiöser Angst als aus sozialer Logik. Die Familie ist der zentrale Ort des Lebens, für Männer wie für Frauen. Wer vor der Hochzeit auszieht, entzieht sich nicht nur Traditionen, sondern auch einem Netz aus Fürsorge und Kontrolle. Großfamilien geben Sicherheit, sie strukturieren den Alltag, sie bieten Rückhalt. Intimität entsteht hier nicht im Bruch mit der Familie, sondern in ihrem Schatten.

Arrangierte Ehen verlieren an Bedeutung, ohne ganz zu verschwinden. Viele junge Saudis wollen ihre Partner selbst wählen – und tun es auch. Doch selbst Liebesheiraten folgen Regeln. Die Familie prüft, vermittelt, legitimiert. Romantik ist erlaubt, solange sie sich in bestehende Strukturen einfügt. Liebe ist kein individueller Akt, sondern ein sozialer Prozess.

Sex vor der Ehe ist offiziell verboten, praktisch jedoch Teil einer Grauzone. Manche Paare überschreiten diese Grenze, andere bewusst nicht. Die Entscheidung ist persönlich, aber nie folgenlos. Wer zu weit geht, riskiert sozialen Druck, nicht unbedingt staatliche Strafe. Moralische Kontrolle wirkt hier subtiler als Gesetze – durch Blicke, Gerüchte, Erwartungen.

Auffällig ist, wie wenig darüber gesprochen wird. Das Wort Sex fällt selten, selbst in vertrauten Gesprächen. Intimität bleibt implizit, wird umschrieben, angedeutet. Vielleicht liegt darin ein Schlüssel zum Verständnis: Nähe ist etwas, das geschützt werden muss – vor Öffentlichkeit, vor Bewertung, vor Missverständnissen.

Liebe im neuen Saudi-Arabien ist weder heimlich noch frei im westlichen Sinne. Sie ist eingebettet, gerahmt, behutsam. Sie sucht keine Bühne, sondern einen sicheren Ort. Und vielleicht erklärt gerade diese Zurückhaltung, warum Beziehungen hier oft leiser beginnen – und dafür umso fester in den privaten Raum eingebettet sind.

Ausblick

Saudi-Arabien ist kein Land des plötzlichen Umbruchs. Wer hier nach großen Gesten sucht, nach offenen Liebesbekundungen oder demonstrativer Freiheit, wird sie nicht finden. Stattdessen vollzieht sich der Wandel in leisen Verschiebungen: in Blicken, die länger dauern dürfen, in Wegen, die Frauen heute selbst fahren, in Räumen, die sich langsam öffnen, ohne ihre Regeln aufzugeben.

Intimität bleibt hier ein sensibler Bereich, sorgfältig eingebettet in Religion, Familie und soziale Ordnung. Sie wird nicht entgrenzt, sondern neu austariert. Nähe entsteht nicht im Widerstand gegen Tradition, sondern in ihrer behutsamen Neuinterpretation. Das macht Veränderungen schwer sichtbar – aber nicht weniger real.

Vielleicht liegt genau darin die Eigenlogik dieses Landes. Saudi-Arabien verändert sich nicht, indem es sich von seiner Ordnung löst, sondern indem es sie dehnt. Liebe wird weiterhin mit Abstand gelebt, doch der Raum zwischen den Menschen ist größer geworden. Und in diesem Raum, vorsichtig und ohne Eile, lernt eine Gesellschaft, Nähe neu zuzulassen – Schritt für Schritt, in ihrem eigenen Tempo.

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