„Abbild der Welt“: Iran lesen lernen

Autor: Torsten Matzak

Von den Königsreliefs bis zum Teeglas

Wir erweitern unser Angebot mit einem Land, welches eine hohe Faszination auslöst, aber auch umstritten ist: dem Iran. Eine neue Kooperation mit einem Anbieter für Einzel- und Gruppentouren ermöglicht es uns, Reisen in den Iran zu organisieren mit Begleitung und mit dem Faktor, die Kultur des Landes kennenzulernen.

In den kommenden Tagen werden wir dieses neue Reiseziel mit zwei Beiträgen stärker ausbauen. Kommen Sie aber bereits jetzt auf uns zu, wenn Sie eine Reise in eines der faszinierendsten Länder mit einer Kultur erleben wollen, die mehr als 3.000 Jahre alt ist.

Iran ist kein Land, das sich bereisen lässt, ohne gelesen zu werden. Seine Städte sind Texte, seine Gärten Metaphern, seine Rituale Fußnoten einer Geschichte, die älter ist als der Begriff, mit dem wir sie heute bezeichnen. Wer hier ankommt, steht nicht nur an einem Ort, sondern in einem Archiv: Schicht über Schicht von Reich, Religion, Poesie und Alltag.

Diese beiden Reportagen folgen keiner klassischen Reiseroute, sondern einer kulturellen Logik. Sie fragen nicht zuerst, was man sehen muss, sondern was bleibt, wenn Jahrtausende von Macht, Glauben und Schönheit einander überlagern. Iran erscheint dabei nicht als abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern als fortdauernde Auseinandersetzung mit ihr.

Der erste Teil führt in den Norden und ins Zentrum der Macht: nach Teheran und Isfahan. Teheran, die junge Hauptstadt ohne antike Kulisse, ist ein Ort der Verdichtung – politisch, sozial, kulturell. Hier kollidieren Reichstraditionen mit revolutionärer Gegenwart, höfische Spiegel mit Neonlicht, religiöse Normen mit urbanem Eigensinn. Teheran ist kein ästhetischer Schlüssel zum Iran, aber ein sozialer. Wer verstehen will, wie Vergangenheit im Heute wirkt, muss hier zuhören.

Isfahan hingegen ist ein gebautes Argument. Als safawidische Hauptstadt wurde die Stadt im 17. Jahrhundert zur architektonischen Antwort auf die Frage, wie ein Reich Ordnung stiftet. Moschee, Palast, Basar – Religion, Macht und Handel – liegen hier nicht nebeneinander, sondern sind aufeinander bezogen. Der berühmte Platz, einst „Abbild der Welt“ genannt, ist mehr als ein Monument: Er ist ein politisches Programm aus Stein, Wasser und Raum. In Isfahan zeigt sich, dass Urbanität im Iran nicht Nebenprodukt, sondern Staatsidee war.

Zwischen diesen beiden Städten – manchmal nur als kurze Etappe, manchmal als eigenes Kapitel – liegen Orte, an denen sich die longue durée der persischen Kultur besonders deutlich zeigt: Händlerhäuser in Kashan, Gärten als Mikrokosmen, Innenhöfe als Schutzräume. Sie machen verständlich, warum sich bestimmte Formen des Wohnens, des Rückzugs und der Gastfreundschaft bis heute halten – jenseits aller Regimewechsel.

Der zweite Teil führt in den Süden, nach Schiraz und weiter in die Landschaft der Antike. Schiraz ist die leisere Stadt, die poetische. Hier spricht Geschichte nicht zuerst durch Monumente, sondern durch Verse. Die Gräber von Hafez und Saadi sind keine Museen, sondern Treffpunkte; ihre Gedichte gehören zum Alltag, nicht zur Vergangenheit. Poesie ist hier weniger Literatur als soziale Praxis – eine Sprache, um über Liebe, Vergänglichkeit und auch über Macht zu sprechen, ohne sie direkt zu benennen.

Von Schiraz aus öffnet sich der Blick zurück auf das, was lange vor dem Islam lag: Persepolis, Pasargadae, die steinernen Relikte des achämenidischen Weltreichs. Diese Orte sind im heutigen Iran politisch wie kulturell aufgeladen. Sie erzählen von einer imperialen Idee, die Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Ordnung begriff – sichtbar in Reliefs, auf denen Gesandte aus allen Teilen der bekannten Welt ihre Gaben bringen. Die Reportage nähert sich diesen Stätten nicht als touristischem Höhepunkt, sondern als Denkraum: Wie wird diese Antike heute gelesen? Als Stolz, als Bürde, als Mythos?

Beide Texte verbindet eine Perspektive, die für MARE zentral ist: das genaue Hinsehen. Die großen historischen Linien werden nicht erklärt, sondern erfahren – in Gesprächen, in Alltagsbeobachtungen, in Räumen, die noch immer genutzt werden. Der Islam erscheint dabei nicht als Bruchlinie, sondern als Transformation: als neue Ordnung, die ältere Vorstellungen von Schönheit, Macht und Weltbezug aufnimmt, verändert und weiterträgt.

Diese Reportagen richten sich an Leserinnen und Leser, die Iran nicht als Nachrichtenkulisse betrachten, sondern als kulturellen Resonanzraum. Sie setzen ein gewisses Vorwissen nicht voraus, aber sie belohnen es. Begriffe wie Reich, Imperium, Dichtung oder Ritual werden nicht definiert, sondern geprüft – an Orten, an Menschen, an der Gegenwart.

Am Ende steht kein Fazit im klassischen Sinn. Iran lässt sich nicht zusammenfassen. Aber vielleicht lässt er sich lesen – in zwei großen Kapiteln, die sich ergänzen: eines über Macht und Ordnung, das andere über Erinnerung und Poesie. Zusammen erzählen sie von einem Land, dessen Vergangenheit nicht vergangen ist und dessen Gegenwart ohne diese Vergangenheit nicht zu verstehen wäre.

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